Kurzgeschichte
Timo
Ich wartete lange in diesem Raum. Er war vor Kurzem neu gestrichen worden und sehr weiß. Ein wenig zu weiß für die Kinder, die an diesem Tag kommen sollten. Auch die Stühle waren zu grau und das Licht zu kalt. Bereits am Tag zuvor hatte ich Süßigkeiten und Müsliriegel gekauft und in kleinen bunten Schälchen auf einem Tisch neben dem Stuhlkreis verteilt. Sie bildeten die einzigen Farbtupfer im Raum – wirkten dadurch jedoch eher wie das im Schneematsch übriggebliebene Konfetti am Aschermittwoch. Durch das geöffnete Fenster drang lauter Straßenlärm ins Zimmer.
Maren kam herein und las im Gehen über ihre Notizen für das Tagesprogramm. Sie setzte sich auf den Stuhl, der mir gegenüberstand, und warf mir einen munteren Blick zu. Kurz darauf klingelte es, und das erste Kind tapste in schnellen Schritten ins Zimmer – blieb für einen Augenblick verunsichert stehen und sichtete sofort die Süßigkeiten. Ich nickte dem Mädchen grinsend zu, woraufhin es ohne zu zögern zum Tisch huschte, blitzschnell nach einem Snickers griff und sich dann auf einen der grauen Stühle setzte. Er war viel zu groß für das Mädchen, sodass die Füße wild in der Luft herumwippten, während es seine gesamte Aufmerksamkeit auf das Snickers richtete. Bald kamen auch die anderen Kinder. Sie setzten sich nacheinander in den schweigenden Stuhlkreis und warfen sich verstohlene Blicke zu. Denn jeder wusste vom anderen, warum er in diesem Raum war, und sie alle schienen plötzlich überwältigt von der eigenartigen Situation zu sein, in der sie ihre schmerzhaften Geheimnisse nicht mehr verstecken konnten. Schicksalhafte Geheimnisse, die ihnen die Moiren nur unter Tränen in ihren Lebensfaden eingesponnen haben konnten. Schließlich hatten alle diese Kinder dadurch mit zwölf Jahren bereits ein Leben gelebt, das sie nun schweigen ließ.
Als Letzter stürmte ein winziger Junge – Timo, wie ich kurz darauf erfuhr – keuchend in den Raum. Er setzte sich auf den Platz links von mir und legte seine Wasserflasche behutsam unter den Stuhl. Ich konnte die Wärme der zarten Haut seines Arms an meinem spüren. Ich fürchtete, meinen starrenden Blick nicht mehr von Timo abwenden zu können. Er war wie ein Bogen Seidenpapier, das zu berühren schon die Sorge aufkommen ließ, einen nicht wieder gut zu machenden Riss zu verursachen. Unruhig rutschte er auf seinem Platz hin und her. Ich erwartete, dass er jeden Moment seinen Daumen in den Mund steckte. Stattdessen stützte er sich lässig mit den Unterarmen auf seine Oberschenkel. Timo schien geübt darin zu sein, die Umwelt seine Zartheit vergessen zu lassen.
Maren schloss das Fenster. Die beängstigende Stille der Kinder wurde dadurch noch lauter. Doch Maren lächelte und begann leise zu sprechen. Die verstohlenen Blicke hielten sich dankbar an ihr fest. Timo knackste mit seinen Fingerknöcheln.
Maren begann, die Geschichte von Paul vorzulesen, der immer zwei Ballons in seinem Bauch trägt – einen mit Sorgen und einen mit Glück. Die Kinder bekamen die Aufgabe zu notieren, was ihren Sorgen- und Glücksballon füllen würde. Ich sah Timo dabei zu, wie er mit einem Bleistift angestrengt über das Papier kratzte. Er legte es als Erster wieder unter seinen Stuhl und wartete. Dabei starrte er versunken auf seine schwingenden Füße.
Als alle die Blätter weggelegt hatten, las Maren die Geschichte von Paul weiter vor, dessen Erfahrungen zuhause anders waren als die seiner Freunde. Plötzlich meldete sich ein Mädchen und sagte, bei ihr sei das auch so gewesen – vor ein paar Monaten habe sie dann nachts die Polizei gerufen. Seitdem sei es besser geworden. Maren fragte mit Blick in die Runde, ob das bei den anderen auch so ähnlich gewesen sei. Manche nickten, manche wiegten zögerlich ihren Kopf hin und her. Ich war zu langsam, um zu sehen, wie Timo reagierte. Ich hörte nur das Knacksen seiner Finger.
Für den Abschluss hatte Maren ein Spiel vorbereitet. Wir stellten uns in einen Kreis und hielten ein rundes, rotes Tuch zwischen uns gespannt, das in der Mitte ein Loch hatte. Gemeinsam sollten wir es so bewegen, dass ein schwarzer Ball im Kreis um das Loch herumrollte, aber nicht hineinfiel. Timo stand neben mir – sein Kopf reichte nur knapp über die Höhe meines Ellenbogens – und starrte hochkonzentriert auf den Ball. Nach der dritten Runde lachte er das erste Mal. Selbst die Moiren hatten wohl eingesehen, dass es ohne einen winzigen Glücksballon nicht gehen würde.
Nach der Verabschiedung schnappte Timo sich seine Wasserflasche, hob die zarte Hand und flüsterte: „Wiedersehn!“
Ich sammelte die Zettel unter den Stühlen ein. Maren machte das Fenster auf und der Lärm der Straße erfüllte wieder den Raum. Ich konnte nicht widerstehen und blickte auf Timos Blatt. Ich las:
was mir sorgen macht: schläge in der nacht