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Kurzgeschichte

Das Lesezeichen

Heute bin ich woanders als sonst eine Runde spazieren gegangen. Ich hatte nichts mehr vor, außer für den Besuch heute Abend zu kochen. Deshalb ging ich außerplanmäßig an deinem alten Zuhause vorbei. Ich war mir sicher, dass du schon vor Jahren weggezogen bist. Was hätte dich auch noch in der Stadt halten können? Und du warst immer umtriebig.

Ich ging also an der hellblauen Fassade deines alten Zuhauses vorbei – schaute sogar hoch zu deinem Fenster und erinnerte mich daran, wie wir von dort aus Knallerbsen und Wasserbomben auf den Asphalt geworfen hatten. Aber auch, wie du mich dort das erste Mal in den Nacken geküsst hast.

Vor dem Hauseingang stand eine Zu-verschenken-Kiste – auf den darauf hinweisenden Zettel vorne am Karton wurde eine ermunternde, grinsende Sonne gezeichnet. Ich wollte mir den Inhalt eigentlich nicht genauer ansehen, um gar nicht erst in die Versuchung zu geraten, zwei neue Erziehungsratgeber oder fünf halb kaputte Tassen – die, wenn man mal ehrlich ist, auch wirklich hässlich sind – mitzunehmen. Aber dann sah ich den kleinen Globus, der damals bei dir auf dem Schreibtisch gestanden hatte, aus der Kiste hervorragen. Ich ging also doch hin. Da war nicht nur dein Globus, sondern daneben lagen auch deine geliebten Magnetsteine, die du immer in deiner Hosentasche trugst. Ich hörte sie ständig klappern, wenn du neben mir gingst.

Und da war mein Lesezeichen. Ich hatte mindestens vier Monate damit verbracht, mir das Stickmuster auszudenken, passende Farben auszuwählen und diese Pläne dann in die Tat umzusetzen. Ich hatte deinen Namen auf einen dunkelblauen Hintergrund gestickt (den Hintergrund musste ich ebenfalls sticken) und daneben einen Halbmond und eine Sonne. Es war das erste Mal gewesen, dass ich etwas stickte. Eigentlich hatte ich mich dafür zu feministisch gefühlt. Aber dir hatte ich ausnahmsweise ein Lesezeichen sticken wollen. Ich hatte damit die Zeiträume gefüllt, in denen du anderweitig beschäftigt gewesen warst, die immer länger und häufiger geworden waren. Als wir uns das letzte Mal getroffen hatten, war das Lesezeichen zur Hälfte fertig gewesen. Ich stickte noch zwei Monate daran, obwohl wir uns nicht mehr sahen, denn ich konnte es nicht ertragen, das halbfertige Lesezeichen in meiner Schublade liegen zu sehen. Um es wegzuschmeißen, war ich zu stolz. Ich warf es dir in den Briefkasten und wusste nie, was du dir dazu dachtest – ob es überhaupt je bei dir gelandet war. Vielleicht hatte ich es ohnehin eher für mich als für dich getan. Und heute lag es dann in dieser Kiste.

Während ich noch vor dem Karton stand und mich fragte, ob dieses Lesezeichen ein Eigenleben hatte und immer wieder versuchte, bei mir zu bleiben, kamen zwei Kinder die Straße entlang. Eines stellte sich neben mich, und wir lächelten uns schüchtern zu. Dann stieß es einen überraschten Schrei aus, nahm das Lesezeichen und rannte zu seinem Freund: ,,David, schau mal, da steht sogar dein Name drauf! Willst du des mitnehmen? Schenk’ ich dir, auch wenn ich’s gefunden hab!” Sie gingen weiter, und nach ein paar Schritten stopfte sich David das Lesezeichen in die Hosentasche.