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Kurzgeschichte

Kekse

Mein Schnürsenkel ist unter dem Stuhlbein eingeklemmt. Ich merke es dadurch, dass ich meinen Fuß nicht bewegen kann und fast vornüber kippe, als ich an die Kante der Sitzfläche vorrutschen will. Deshalb hebe ich die eine Seite des Stuhls kurz an, um den Schnürsenkel zu befreien. Es ist eine Banalität, die mich darauf hinweist, dass für mich auch in diesem Moment, in dem ich an deinem Bett sitze, noch die Gesetze von Raum und Zeit gelten. Trotzdem greife ich schnell wieder nach deiner Hand.

Sie ist unfassbar weich und gleichzeitig überraschend robust.

Wie oft hattest du mit dieser Hand über meinen Kopf oder meinen Arm gestrichen, wenn wir uns begrüßten! Wie oft hattest du mir mit dieser Hand zum Abschied gewunken. Jetzt streiche ich über sie und du öffnest deine Augen – es sieht mühsam aus. Leicht zucken deine Mundwinkel. Während ich leise deinen Namen flüstere, fallen deine Augenlider wieder zu. Ich streichle immer wieder deine Hand und weiß nicht, was ich darüber hinaus tun soll.

Durch das Fenster über deinem Bett sehe ich, wie der Wind aggressiv durch die Baumkronen peitscht – als würde er mir die Dramatik der Situation klarmachen wollen. Aber ich weiß bereits um die Dramatik – und auch, dass ich sie letztlich nicht für mich zulassen kann. So oft hatte ich eine Ahnung von der existenziellen Angst und dem Schmerz, die mich in genau diesem Moment erwarten würden, gespürt und schnell wieder weggeschoben. Meine Gefühle gingen deshalb nie über diese Ahnung hinaus. Auch jetzt nicht – obwohl der Moment da ist.

Stattdessen fange ich an, dir von meiner Begegnung mit Frau Wallberg zu erzählen – deiner Nachbarin, die seit Jahren immer esoterischer wird und jeder Person auf der Straße von ihren Zukunftsvisionen erzählt, wenn sie an ihren Blumenbeeten vorbeiläuft.

Als ich gerade das kleine Tor zu deinem Vorgarten geöffnet hatte, hörte ich ihre krächzenden Rufe hinter mir. Mit einer Schaufel in der Hand schilderte sie mir, dass eine riesige, dunkle Plattwalze in ihrer Vision über die Häuser der Straße gerollt wäre. Du hättest wie immer gelächelt und ihr beruhigend vom gestrigen Wetterbericht erzählt, der ein Gewitter angesagt hatte – wahrscheinlich habe sie das in der Vision ganz korrekt vorhergesehen. Dann hättest du ihr ausführlich davon berichtet, wie sehr du ihre Kekse von letzter Woche genossen hättest.

Doch ich konnte mit der Situation nicht umgehen – zumindest nicht heute. Eigentlich habe ich mir zunehmend deine liebevollen Umgangsformen mit Frau Wallberg abgeschaut und sie kopiert. Heute nickte ich nur.

Ich streiche immer wieder über deine Hand und weiß, dass jetzt der Moment ist, in dem ich dir sagen muss, wie sehr ich dich geliebt habe – dass ich es vor allem in winzigen Momenten der Zuneigung spürte. Keiner merkte sie von außen, nicht einmal du selbst hast sie bemerkt.

Zum Beispiel, als ich mit gerade mal sechs Jahren am anderen Ende des Tisches von dir gesessen hatte, die ganze Familie versammelt, und zu dir rübersah, und du mir dann mit einer Gabel in der Hand verschwörerisch zugelächelt hast. Oder als du in kleinen, langsamen Schritten – mit den Händen über deinem alten Rücken verschränkt – über die von Sonnenlicht überflutete Terrasse gewandelt bist.

Ich lehne mich vor und flüstere irgendetwas Undurchdachtes. Da greifst du mit deiner anderen Hand plötzlich nach meiner, die dich noch immer streichelt. Deine Augen sind nach wie vor zu, doch deine Hand ist entschlossen.

Meine Schwester steht im Türrahmen und sagt meinen Namen, der Arzt würde uns gerne etwas erklären. Ich stehe auf und sehe dich dabei an.

Der Arzt erklärt etwas über Morphin – die Wirkung beruhe auf der Bindung an Opioid-Rezeptoren, vor allem dem μ- Rezeptor … Danach geht er in dein Zimmer, kommt aber unerwartet schnell wieder heraus und sagt, du hättest dich verabschiedet.

Ich setze mich auf deine Terrasse und schaue einfach. Ich kann nur darüber nachdenken, wie Frau Wallberg die nächste Plattwalze ohne dich überstehen soll. Und ich spüre deinen entschlossenen Händedruck.

Nach einer halben Stunde (oder auch nur fünf Minuten?) stehe ich auf und gehe in deine Küche.

Du hast kaum gekocht, deshalb finde ich nichts außer Olivenöl, Brot, einem sehr alt wirkenden Käse und Salami. Ich sage meiner Schwester, dass ich kurz etwas einkaufen muss, und renne zum nahegelegenen Supermarkt.

Mit einer Tüte komme ich wieder zurück zu dir nach Hause und packe alle Einkäufe aus. Meine Schwester fragt mich, wozu ich Mehl eingekauft hätte. Ich sage ihr, ich müsse Kekse backen für Frau Wallberg.