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Kurzgeschichte

Der zarte Junge

Ich wartete lange in diesem Raum. Er war vor Kurzem neu gestrichen worden und sehr weiß. Ein wenig zu weiß für die Kinder, die an diesem Tag kommen sollten. Auch die Stühle waren zu grau und das Licht zu kalt. Schon am Tag zuvor hatte ich viele Süßigkeiten und Müsliriegel gekauft und in kleine bunte Schälchen auf einem Tisch neben dem Stuhlkreis verteilt. Sie bildeten die einzigen Farbtupfer im Raum – wirkten dadurch jedoch eher wie das im Schneematsch übriggebliebene Konfetti am Aschermittwoch. Durch das geöffnete Fenster drang lauter Straßenlärm in das Zimmer.

Maren kam in den Raum und las dabei über ihre Notizen für das Tagesprogramm. Sie setzte sich auf den Stuhl gegenüber von mir und warf mir einen ermunternden Blick zu. Kurz darauf klingelte es und das erste Kind tapste in schnellen Schritten ins Zimmer – blieb für einen Augenblick verunsichert stehen und sichtete sofort die Süßigkeiten. Ich nickte dem Mädchen grinsend zu, woraufhin es zum Tisch ging, blitzschnell nach einem Snickers griff und sich dann auf einen der Stühle setzte. Bald kamen auch die anderen. Sie setzten sich nacheinander in den schweigenden, graugepolsterten Stuhlkreis und warfen sich gegenseitig verstohlene Seitenblicke zu. Alle wussten voneinander, warum sie da waren. Sie alle waren anwesend mit ihren sonst meist übersehenen – doch jetzt für jeden offensichtlichen Wunden und Narben, die ihnen die Moiren nur unter Tränen in ihren Lebensfaden eingesponnen haben konnten. Sie alle hatten mit zwölf Jahren ein Leben gelebt, das sie nun zum Schweigen gebracht hatte.

Als Letzter stürmte dieser winzige Junge keuchend in den Raum. Er setzte sich auf den Platz links von mir und legte dann seine Wasserflasche vorsichtig unter seinen Stuhl. Er saß so dicht neben mir, dass ich die Wärme der zarten Haut seines Arms an meinem spürte. Nie zuvor hatte ich einen derartig zierlichen Menschen gesehen – so verletzlich wie ein Bogen Seidenpapier. Ein Zahnstocher hätte ihn mühelos vernichten können.

Unruhig rutschte er auf seinem Platz hin und her. Ich erwartete, dass er jeden Moment seinen Daumen in den Mund steckte. Stattdessen stützte er sich lässig mit den Unterarmen auf seine Oberschenkel. Er schien gekonnt darin zu sein, seine Umwelt seine Zartheit vergessen zu lassen.

Maren schloss das Fenster. Die beängstigende Stille der Kinder wurde dadurch noch lauter. Doch Maren lächelte und begann leise zu sprechen. Die verstohlenen Blicke hielten sich dankbar an ihr fest. Der zarte Junge knackste mit seinen Fingerknöcheln.

Maren begann, die Geschichte von einem Kind vorzulesen, das immer zwei Ballone in seinem Bauch trägt – einen mit Sorgen und einen mit Glück. Die Kinder bekamen die Aufgabe zu notieren, was ihren Sorgen- und Glücksballon füllen würde. Ich sah dem zarten Jungen dabei zu, wie er mit einem Bleistift angestrengt über das Papier auf seinem Schoß kratzte. Er legte es als Erster unter seinen Stuhl und wartete. Dabei starrte er auf seine schwingenden Füße, die nicht einmal mit den Spitzen den Boden berühren konnten.

Als alle die Papiere weggelegt hatten, las Maren die Geschichte weiter vor. Plötzlich meldete sich ein Mädchen und sagte, das sei bei ihr auch so ähnlich gewesen – irgendwann habe sie, als sie neun Jahre alt gewesen sei, dann die Polizei gerufen, als ihr Vater wieder auf ihre Mutter eingeschlagen habe. Und jetzt sei er weg. Maren fragte mit Blick in die Runde, ob das bei den anderen auch so ähnlich gewesen sei. Manche nickten, manche wiegten zögerlich ihren Kopf hin und her. Ich war zu langsam, um zu sehen, wie der zarte Junge neben mir reagierte. Ich hörte nur das Knacksen seiner Finger.

Für den Schluss hatte Maren ein Spiel vorbereitet. Wir stellten uns in einen Kreis und hielten ein rundes, rotes Tuch zwischen uns gespannt, das in der Mitte ein Loch hatte. Gemeinsam sollten wir es so bewegen, dass ein schwarzer Ball im Kreis um das Loch herum rollte, aber nicht hineinfiel. Der zarte Junge stand neben mir und starrte hochkonzentriert auf den Ball – nach der dritten Runde lachte er das erste Mal. Selbst die Moiren hatten wohl eingesehen, dass es ohne einen winzigen Glücksballon nicht gehen würde.

Nach der Verabschiedung schnappte er sich seine Wasserflasche, hob die zarte Hand und flüsterte ,,Wiedersehn!”. Ich sammelte die Zettel unter den Stühlen ein, als alle weg waren. Maren machte das Fenster auf. Ich konnte nicht wiederstehen und blickte auf das Blatt des seidenen, zarten Jungen. Ich las:

was mir sorgen macht: schläge in der nacht